Wie Europa seiner historischen Mission gerecht werden kann. Vier Vorschläge.
Europa ist alt geworden. Sie ist nicht mehr die strahlende Königstochter, in die sich einst ein Gott verliebte. Damals war sie jung und selbstbewusst. Sie packte den Stier bei den Hörnern und folgte ihm in eine ungewisse Zukunft. Heute wird sie von Selbstzweifeln geplagt: verlassen von den Freunden im Westen, bedroht von den Feinden im Osten, begehrt von den Heimatlosen im Süden. Oh ja, sie ist noch immer attraktiv. Doch wenn der Stier einst wiederkäme… – würde sie den Mut noch einmal aufbringen…? In der tiefsten Tiefe ihres Herzens kennt sie ihre Antwort: „Ja, sie würde…!“
Die Menschheit braucht Europa. Sie braucht das Wissen und Gedächtnis eines Kulturraums, der sich im Laufe der Geschichte mehrfach an den Rand des Abgrunds manövrierte – der sich auf Schlachtfeldern zerrieb und immer wieder neu erfand, der blutgetränkte Invasoren sah und komplette Kontinente seiner Habsucht unterwarf, der in Gewaltexzessen schwelgte und in dem es Menschen gab, die tapfer für die Werte kämpften, die Europa seit Jahrtausenden in immer neuen Anläufen zur Geltung brachte: Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit.
In einer Zeit, in der diese Werte unter Beschuss geraten sind, braucht die Menschheit ein Europa, das seine Geschichte verinnerlicht und Konsequenzen aus ihr gezogen hat: fortan einen Weg des Friedens zu gehen – einen Weg der Freundschaft, der Zusammenarbeit, des Vertrauens, der Gemeinschaft. Dass sie diese Werte unbeirrt in ihrem Herzen trägt, ist der Grund der alterslosen Schönheit von Europa – einer fragilen Schönheit, die derzeit massiv bedroht ist; nicht nur von außen, sondern auch von innen.
Der Geist Europas
Was für eine Schönheit ist das? Seit den Tagen der Antike hat man Schönheit als stimmige Ganzheit beschrieben: als die Qualität eines Systems diverser Elemente oder Teile, die bei aller Unterschiedlichkeit doch so zusammenwirken, dass ein in sich stimmiges Ganzes entsteht – wie bei einer Symphonie, in der die vielen unterschiedlichen Töne und Akkorde perfekt zueinander passen. Stimmige Einheit in der Vielfalt: So lautet die Formel für Europas Schönheit. Und sie bringt zugleich zur Sprache, was man den Geist, die Idee oder das Wesen Europas nennen könnte. Europa ist Vielfalt der Sprachen, Kulturen und Traditionen, Europa ist aber auch Einheit, in seiner Geschichte, seinen Werten, seinem Traum von einem guten Leben.
Es ist dieser Geist und es sind diese Werte, derer die Menschheit im 21. Jahrhundert bedarf. Es könnte sein, dass Europa zum letzten Reservat wird, in dem der Geist der Humanität noch walten darf, so dass ein menschenwürdiges Leben möglich bleibt. Doch das wird nur geschehen, wenn Europa ihre Selbstzweifel hintanstellt und sich ihres Wesens und ihrer Schönheit besinnt. Dann würden wir Europäerinnen und Europäer zu Bewusstsein kommen und uns des unendlich kostbaren Schatzes erinnern, den heutige Rechtspopulisten leichtfertig aufs Spiel setzen: den gemeinsamen politischen Raum, den gemeinsamen Rechts- und Wirtschaftsraum, die Europäische Union.
- Confoederatio Europea
In einer Zeit geopolitischer Spannungen und subkutan geführter Cyber- oder Handelskriege, wird Europa ihrer Mission als Sachwalterin von Freiheit, Menschlichkeit und Frieden nur genüge leisten, wenn die Bürgerinnen und Bürger der EU – allem voran ihre Verantwortungsträger – bereit sind, das nächste Level zu erreichen. Das heißt an erster Stelle einzusehen, dass die Zeit nationaler Alleingänge ein für allemal vorbei ist. Es heißt ferner, die politische Agenda neu zu justieren und statt (um ein besonders deprimierendes Beispiel zu nennen) sich in fruchtlosen Debatten über die Namensfindung für vegane Fleischersatzprodukte zu ergehen, den Weg zu einem Europa 2.0 zu bahnen. Für alle, denen der Geist Europas und die ihm entsprechende europäische Lebensform am Herzen liegt, kann es kein höheres Ziel geben als ein politisch starkes, selbstbewusstes und einiges Europa.
Gewiss, die Aufgaben, vor denen Europa steht, sind gewaltig: Die Verteidigungsfähigkeit muss wiederhergestellt werden. Die digitale Revolution darf nicht verschlafen aber auch nicht unreguliert als Schicksal hingenommen werden. Vor allem der Europa besonders hart treffende Klimawandel verlangt eine Disruption der veralteten Industrie- und Wirtschaftspolitik. Die Migration nach Europa muss koordiniert und limitiert werden. Jede dieser Herausforderungen ist für sich eine Herkulesaufgabe. Aber das darf nicht darüber täuschen, dass Europa sie nur gemeinsam meistern kann. Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Lage ist es höchste Zeit, aus der EU eine handlungsfähige politische Einheit zu machen. Eine mögliche Blaupause dafür wäre ausgerechnet dasjenige Land, das sich noch immer hartnäckig einer EU-Mitgliedschaft widersetzt: die Schweiz: eine Confoederatio Europea nach Schweizer Vorbild könnte die passende Form einer Next-Level-EU sein (allerdings, anders als in der Schweiz, nur mit einer einheitlichen Steuer- und Finanzpolitik).
- Eine europäische Verfassung
Der erste Schritt zur EU 2.0 wäre die Ausarbeitung einer gemeinsamen Verfassung, die das künftige europäische Gemeinwesen auf ein robustes Fundament stellt: auf eine geistige Basis, die klar benennt, was für die Bürgerinnen und Bürger der Union die unveräußerlichen Werte sind – das, worum es ihnen wirklich geht und was sie sich für sich und ihre Kinder wünschen. Es dürfte nicht so schwer sein, diese Werte in einer Präambel zur europäischen Verfassung festzuhalten; zumal dann, wenn der dafür zuständige Konvent nicht mit Politikern und Lobbyisten, sondern mit Kulturschaffenden und Laien besetzt wird.
Bei der Ausarbeitung einer europäischen Verfassung ginge es vor allem darum, den spezifischen Geist Europas zu versprachlichen: den Geist, der einst in Hellas die Demokratie und Wissenschaft hervorbrachte, der in der Renaissance die Menschenwürde neu entdeckte, der in der Zeit der Aufklärung die Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreite und der nach den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts eine neue Friedensordnung schuf.
Manifestiert in einer europäischen Verfassung wäre dieser Geist für das politische Europa in etwa das, was die Sonne für unser Planetensystem ist: ein Gravitationszentrum, das den zentrifugalen Kräften nationaler Partikularinteressen konstruktiv entgegenwirkt; das zugleich die Menschen Europas erleuchtet, ihnen die Richtung weist, sie mit Energie versorgt, ihre Visionen nährt. Ohne dass der Geist Europas sichtbar, spürbar oder fühlbar unseren Kontinent durchwaltet, werden wir als Europäerinnen und Europäer den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts kaum gewachsen sein. Wo uns aber die Schönheit dieses Geistes berührt, wird er einen Sturm der Begeisterung in unseren Herzen wecken, dessen Kraft ein Europa 2.0 ins Werk zu setzen vermag.
- Ein europäischer Wertedienst
Mit einer Kodifizierung der europäischen Werte allein ist es allerdings noch nicht getan. Werte sind nur dann Werte, wenn sie in Geltung stehen. Und in Geltung stehen sie nur, wenn sie durch das tägliche Tun und Lassen der Menschen zur Geltung gebracht werden. Anders gesagt: Werte, die nur deklariert, aber nicht gelebt werden, sind keine Werte. Deshalb wird es für die Confoederatio Europea von entscheidender Bedeutung sein, die europäischen Werte in den Herzen und Hirnen der Menschen zu verankern; vor allem der jungen Menschen.
Das Mittel der Wahl dafür wäre ein europäischer Wertedienst: Jede junge Europäerin, jeder junge Europäer leistet an der Schwelle zum Erwachsensein gemeinsam mit anderen jungen Europäern eine einjährige Dienstzeit. Verrichtet wird sie in einem Land, das nicht das eigene Heimatland ist, in sozialen, ökologischen oder zivilgesellschaftlichen Projekten – oder als Militärdienst in einer europäischen Bürgerarmee. Verpflichtend für alle ist der Dienst, weil nur so eine allgemeine Chancengleichheit gewährleistet werden kann.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Innerhalb von nur einer Generation würde in Europa ein flächendeckendes Netzwerk junger Menschen entstehen, die gemeinsam die europäischen Werte operationalisiert und verinnerlicht haben. Auf diese Weise könnte sich eine wertbasierte europäische Identität entfalten, die als solides Fundament ein politisch vereintes Europa tragen könnte. Und was man den eigenen Bürgerinnen und Bürgern zumutet, könnte guten Gewissens auch von all denen verlangt werden, die als Migranten nach Europa kommen. Der europäische Wertedienst wäre das Eintrittsportal zum politischen Europa.
- Demokratische Partizipation
Ein Gemeinwesen ist nur lebendig, wenn die Menschen an ihm teilhaben. Deshalb wäre es sinnvoll, den Wertedienst auch Senioren anzutragen – vielleicht nicht im Ausland, sondern vor Ort, wo immer das Gemeinwesen die tatkräftige Unterstützung der Menschen braucht. Um den Gemeinsinn zu vertiefen und das Zugehörigkeitsgefühl zu stärken, sollte die künftige europäische Verfassung darüber hinaus allen Bürgerinnen und Bürgern politische Partizipationsmöglichkeiten einräumen.
Dafür bietet sich das in verschiedenen EU-Ländern erfolgreich erprobte Modell der Bürgerräte an: temporäre Gremien auf kommunaler und überregionaler Ebene zu konkreten politischen Themen, deren Mitglieder durch Losentscheid ermittelt werden. Gemeinhin sind Bürgerräte nicht entscheidungsbefugt, wohl aber muss ihr Votum von den gewählten Mandatsträgern berücksichtigt werden. Auch dies wäre ein Instrument, durch das die europäischen Werte praktisch zur Geltung gebracht werden können.
In meinem Buch „Den Geist Europas wecken“ (Europaverlag 2024) habe ich weitere Vorschläge dafür unterbreitet, wie es gelingen kann, unseren Kontinent fit für die Zukunft zu machen. Die Herausforderungen sind groß, und der europäische Weg kann nicht darin bestehen, mit den militärischen und technologischen Supermächten USA und China zu konkurrieren. Europas Mission ist eine andere: die Wiederentdeckung seines geistigen Erbes, das die Schönheit seiner kulturellen Vielfalt anerkennt und sie unter dem gemeinsamen Dach der politischen Einheit feiert; und das selbstbewusst für seine Werte einsteht und bereit ist, sie gegen Angriffe zu verteidigen.
Europa ist alt geworden. Sie ist nicht mehr die junge Königstochter des griechischen Mythos. Durch all die Irrungen und Wirrungen ihrer Geschichte, durch all die Katastrophen und Wiedergeburten der Vergangenheit, ist sie gereift. Nun ist die Zeit gekommen, ihr historisches Wissen zur Weisheit zu wandeln. Dafür braucht es ein Erwachen ihres Geistes. Dazu wird es kommen, wenn sich die Menschen in Europa ihrer Schönheit erinnern – und wenn sie den Mut aufbringen, sie mit ihren Worten und Taten zu bezeugen.
(Christoph Quarch 2025)
